Seestraße ohne Kahlschlag: So könnte Allee erhalten bleibe

261 Linden sollen dem geplanten Umbau weichen. Eine aktuelle Stellungnahme des AlleenForums Sachsen e.V. zeigt jedoch auf, dass der Erhalt der Allee technisch möglich sein könnte. Dies wäre für Zeuthen ein entscheidender Beitrag zum Klimaschutz, zur Lebensqualität und zum Naturschutz.

Die Seestraße ist mehr als eine Verkehrsverbindung. Ihre Bäume prägen das Ortsbild, spenden Schatten und kühlen die Umgebung. Sie gehören zur Geschichte Zeuthens und sind für viele Menschen ein vertrauter Teil ihres Alltags. Umso schwerer wiegt die geplante Fällung von 261 Alleebäumen im Zuge des grundhaften Ausbaus der Straße.

In einer ausführlichen Stellungnahme hat sich der Vorsitzende des AlleenForum Sachsen e.V., Dr.-Ing Ditmar Hunger, mit der Planung auseinandergesetzt. Er ist seit Jahrzehnten anerkannter Fachmann für nachhaltigen Straßenbau und den Schutz und Erhalt von Alleen. Seine zentrale Aussage: Die Fällung der Bäume sei nicht zwingend erforderlich. Straßenbau und Leitungsverlegung könnten möglicherweise so umgesetzt werden, dass die Lindenallee erhalten bleibt.

Alte Bäume sind durch junge Pflanzungen nicht kurzfristig zu ersetzen

Die Linden an der Seestraße sind überwiegend zwischen 90 und 100 Jahre alt. Trotz ihres Alters befinden sie sich in einer ökologisch besonders leistungsfähigen Phase: Sie spenden großflächig Schatten, produzieren Sauerstoff, binden CO₂, filtern Staub und bieten zahlreichen Tierarten Lebensraum.

Junge Bäume können diese Leistungen nicht unmittelbar übernehmen. Bis ein neu gepflanzter Baum eine vergleichbare Größe und Wirkung erreicht, vergehen viele Jahrzehnte. Fachleute verweisen darauf, dass ein junger Baum mindestens 40 bis 50 Jahre benötigt, um sich langsam der ökologischen Leistung eines alten Baumes anzunähern.

Ein rechnerischer Ersatz – etwa durch die Pflanzung von 1,75 jungen Bäumen für jeden gefällten Baum – bildet diesen Verlust deshalb nur unzureichend ab. Selbst wenn alle geplanten Ersatzpflanzungen umgesetzt werden, entsteht über lange Zeit eine Lücke bei Schatten, Kühlung, CO₂-Bindung und Lebensraumangebot.

Gerade angesichts zunehmender Hitzeperioden ist das entscheidend. Die alten Linden wirken wie eine natürliche Klimaanlage: Sie senken die Temperaturen im Straßenraum, halten Feuchtigkeit und schützen Menschen, Gebäude und Fahrzeuge vor direkter Sonneneinstrahlung. Diese Wirkung wird in den kommenden Jahren zunehmend wichtiger werden.

Seestraße in Zeuthen

Die Allee als Teil der Zeuthener Geschichte

Die Seestraße entstand im Zuge der Entwicklung Zeuthens zur Berliner Vorort- und Villengemeinde. Die historische Straßenplanung sah Alleebäume in regelmäßigen Abständen vor. Damit ist der Baumbestand nicht nur ökologisch wertvoll, sondern auch ein prägendes Element des Ortsbildes und ein Teil der Zeuthener Identität.

Über Jahrzehnte sind Lücken entstanden, weil ausgefallene Bäume nicht immer nachgepflanzt wurden. Der geplante Umbau könnte nun genutzt werden, diese Lücken schrittweise wieder zu schließen und die Allee zu vervollständigen – und nicht, um sie in Gänze zu fällen. 

Aus Sicht des AlleenForums reicht die aktuelle Planung hierfür nicht aus. Zwar sind neue Bäume vorgesehen, eine vollständige Wiederherstellung der historischen, geschlossenen Allee wird jedoch nicht angestrebt. Besonders kritisch wird bewertet, dass in einzelnen Abschnitten trotz angrenzender Grün- und Waldflächen lediglich eine einreihige Bepflanzung geplant ist.

Eine zukunftsgerichtete Planung sollte deshalb nicht nur Ersatz schaffen, sondern die Allee als Ganzes weiterentwickeln: durch den Erhalt der vorhandenen Altbäume, gezielte Lückennachpflanzungen und ausreichend große, luft- und wasserdurchlässige Wurzelräume.

Wurzeln unter der Fahrbahn: Mythos oder tatsächliches Problem?

Als wesentliche Begründung für die Fällungen wird angeführt, dass die Bauarbeiten und die geplante Regenwasserleitung die Wurzeln der Linden erheblich beschädigen könnten. Genau diese Annahme stellt das AlleenForum infrage und verweist auf eine Studie, die erst vor wenigen Wochen abgeschlossen wurde. 

Linden bilden ein Herzwurzelsystem aus. Ihre Wurzeln breiten sich vor allem dort aus, wo ausreichend Luft und Wasser vorhanden sind. Unter stark verdichteten oder versiegelten Flächen wie einer Fahrbahn finden sich nach neusten Erkenntnissen häufig nur wenige oder keine für die Standsicherheit wichtigen Wurzeln.

Das AlleenForum verweist auf Beispiele aus anderen Kommunen, bei denen Straßen oder Leitungen im Bereich von Alleen erneuert wurden, ohne die Bäume zu fällen. In mehreren Fällen hätten Suchgrabungen gezeigt, dass keine relevanten Wurzeln im betroffenen Fahrbahnbereich lagen.

Vor einer endgültigen Entscheidung sollte daher transparent geprüft werden, wie die Wurzeln an der Seestraße tatsächlich verlaufen. Suchgrabungen und eine fachkundige ökologische Baubegleitung könnten hier Klarheit schaffen. Erst nach einer Einzelprüfung der betroffenen Bäume sollte über Fällungen entschieden werden.

Regenwasser vor Ort halten

Ein weiterer Aspekt ist der Umgang mit Niederschlag. Bisher konnte Regenwasser im Bereich der Seestraße weitgehend versickern und den Bäumen zufließen. Eine neue Regenwasserkanalisation könnte dieses Wasser künftig jedoch schneller ableiten, was für die ohnehin durch Trockenheit und Hitze belasteten Linden ein erhebliches Risiko darstellt.

Der Umbau sollte daher dazu genutzt werden, Regenwasser vor Ort zu halten. Möglichkeiten sind beispielsweise durchlässige Beläge, abgesenkte Baumscheiben, offene Versickerungsmulden oder gezielte Wasserleitungen in die Wurzelbereiche. Dies würde nicht nur die Bäume schützen, sondern auch die Kanalisation entlasten, Kosten sparen und einen Beitrag zur Klimaanpassung leisten.

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Moratorium und offener Dialog notwendig

Das AlleenForum Sachsen hat den Bürgermeister, die Gemeindevertretung, den Landkreis und den Landesbetrieb Straßenwesen aufgefordert, die geplanten Fällungen bis Anfang 2027 auszusetzen. Ein solches Moratorium würde den nötigen Raum schaffen, um die Planung fachlich zu überprüfen und die verschiedenen Positionen zusammenzuführen.

Wir halten diesen Vorschlag für sinnvoll. Bei einem Eingriff von dieser Größenordnung darf es nicht nur darum gehen, eine bereits beschlossene Planung möglichst schnell umzusetzen. Es braucht eine ergebnisoffene Prüfung, ob der Straßenumbau auch mit Erhalt der Bäume möglich ist.

Dazu gehören aus unserer Sicht:

  • eine unabhängige Untersuchung der Wurzelsituation durch Suchgrabungen,
  • eine Prüfung alternativer Bau- und Leitungsverfahren,
  • ein Konzept für die Versickerung und Nutzung des Regenwassers vor Ort,
  • eine Bewertung der ökologischen und stadtklimatischen Leistungen der vorhandenen Bäume,
  • die Sicherung der Tempo-30-Regelung,
  • eine Überarbeitung der Planung mit dem Ziel, die Allee zu erhalten und bestehende Lücken nachzupflanzen.

Zeuthen hat einen Schatz – wir sollten ihn bewahren

Zeuthen verfügt über einen für eine Gemeinde dieser Größe bemerkenswerten Bestand an Alleen. Dieser Reichtum verpflichtet. Alte Bäume lassen sich nicht kurzfristig ersetzen, und ihre Bedeutung für das Klima, die Artenvielfalt und die Lebensqualität wird weiter wachsen.

Die Frage lautet daher nicht nur: Wie kann die Seestraße umgebaut werden? Sie muss auch lauten: Wie kann der Umbau so geplant werden, dass Zeuthen seine Lindenallee behält und für die Zukunft stärkt?

Noch ist es möglich, die Entscheidung zu überprüfen und Alternativen zu entwickeln. Dafür braucht es politischen Mut, fachliche Sorgfalt und einen offenen Dialog. Die Seestraße sollte nicht zum Beispiel dafür werden, dass gesunde alte Bäume einer vermeintlich einfacheren Planung weichen müssen.

Wir setzen uns dafür ein: Die Fällungen müssen ausgesetzt, die Wurzeln untersucht und Alternativen geprüft werden, um die Allee zu erhalten.

Download der Stellungnahme des AllenForums

Download der Untersuchung von Wurzelausbildungen von Altbäumen an Straßen